Neutralität: Sie entstand aus innenpolitischer Notwendigkeit, nicht aus Moral
Bern einfach, episode of 20.09.202600:34–20:48 · 20 min
Opinion of Bern einfach · condensed by the Redaktor
Die schweizerische Neutralität ist nicht das Ergebnis eines Beschlusses, sondern einer langen Entwicklung nach der Niederlage von Marignano. Entscheidend war die innere Vielfalt: Eine Parteinahme in den europäischen Konflikten hätte die Eidgenossenschaft gespalten. Wer neutral bleibt, entscheidet sich für Freiheit statt für Grösse.
Nach dem Aufstieg zur militärischen Macht und der Eroberung der Lombardei endete die Grossmachtpolitik mit der Niederlage von Marignano. Der Verzicht folgte aber nicht nur aus dem Schock: Artillerie war teuer, und ein dezentraler Staatenbund konnte weder die nötigen Steuern erheben noch eine gemeinsame Aussenpolitik führen. Schon bei Marignano zogen einzelne Orte vorzeitig ab, weil ihre Interessen auseinandergingen.
Den Ausschlag gab die Reformation. Seit der Spaltung in reformierte und katholische Orte hätte jede Beteiligung an einem europäischen Krieg die Eidgenossenschaft zerrissen. Im Dreissigjährigen Krieg warben schwedische Gesandte um einen Beitritt und warfen den Eidgenossen Zaudern vor; sie blieben dennoch bei ihrer Zurückhaltung. Neutralität entstand damit zuerst aus innenpolitischen Gründen, um das Überleben des Staatswesens zu sichern.
Später zeigte sich eine zweite Einsicht: Ein kleines Land überlebt, indem es Grossmächte gegeneinander ausbalanciert. Die Eidgenossenschaft war Frankreich eng verbunden, unterhielt aber zugleich Bündnisse mit Habsburg und anderen. Die Söldnerdienste galten damals nicht als Widerspruch zur Neutralität; ihre Bedeutung wandelte sich erst mit der Zeit.
Wesentlich ist auch die Grundentscheidung dahinter: Die Orte gaben der eigenen Freiheit den Vorrang vor Grösse und zentraler Macht. Andere Länder in Europa entschieden umgekehrt. Dieser Zug prägt die Schweiz bis heute.
Wir wollen in Ruhe gelassen werden, aber wir lassen die anderen auch in Ruhen.
Neutralität ist zuerst aus innerpolitischen Gründen entstanden.
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