Parliament / Business / 26.3997
Von Zielkonflikten zur Quadratur des Kreises. Nutzen, Kosten, Wettbewerbsfähigkeit bei Life Science
submitted on 19.06.2026 in the Sommersession 2026First chamber: National CouncilStellungnahme zum Vorstoss liegt vor (09.09.2026)
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In den vergangenen Wochen war in der Tagespresse häufiger von der Arbeitsgruppe des Bundes zu Life Science zu lesen. Unter anderem äusserten sich Vertreter von Pharma und BAG summarisch zu den laufenden Gesprächen in Zusammenhang mit dem Innovationsstandort Schweiz. Dabei wurde deutlich, dass es eine ganze Reihe von Zielfkonflikten gibt. Nämlich zwischen den Interessen der Prämienzahlenden, der Patienten, der Industrie, des BAG, den Krankenkassen, um nur einige zu nennen. Ganz davon abgesehen, dass die Schweiz mit der Politik der US-Administration einerseits und mit dem aufstrebenden China andererseits unter Druck gerät. Etwa die Hälfte der Acquisitionen im Biotech-Bereich finden mittlerweile im Reich der Mitte statt. In der Schweiz hingegen sind Krankenkassen-Prämien die Sorge Nummer 1 und gleichzeitig häufen sich die Meldungen über Stellenabbau bei Life Science und Pharma. Sogar ein Rückgang bei den Exportzahlen ist zu verzeichnen, was sicher Auswirkungen auf den Wirtschaftstandort und Steuererträge haben wird.
Der Bundesrat wird deshalb um die Beantwortung folgender Fragen gebeten:
• Wie hoch in Schweizer Franken beziffert der Bundesrat den Nutzen der Pharma-Industrie für die Schweiz als Ganzes, inklusive Steuerträge für Bund und Kantone?
• Im Vergleich dazu: Wie hoch sind die OKP-Kosten aktuell und wie hoch ist der Anteil Prämiengelder, der insbesondere an die forschende Pharmaindustrie geht? Wie beurteilt er dieses Nutzen-/Kosten-Verhältnis?
• In Bezug auf den Vorwurf des «Trittbrettfahrens» der USA bei Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln, wie schätzt der Bundesrat die Situation der Schweiz ein? Ist die Schweiz hier besonders im Fokus und welche Konsequenzen wird das haben?
• Wie gedenkt der Bundesrat angesichts dieser Verhältnisse den Zielkonflikt anzugehen, damit die Prämienzahler nicht stärker belastet, die Versorgung gewährleistet und dennoch ein international wettbewerbsfähiger Pharma-Standort möglich ist?
• Immer mehr Medikamente werden aufgrund der aktuellen Situation im Ausland zugelassen. Wie steht es mit der Versorgungsicherheit.
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The Federal Council's opinion
1. Zur Beurteilung der grossen Bedeutung der Pharma-Industrie für die Schweizer Volkswirtschaft stehen die Wertschöpfung der Branche bzw. deren Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) sowie die Beschäftigung im Vordergrund. Gemäss den Statistiken des BFS betrug der Wertschöpfungsanteil der Branche «Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen» im Jahr 2023 6.2%. Die Beschäftigung in Vollzeitäquivalenten erreichte im vierten Quartal 2023 rund 52'000 (rund 1.2% der Gesamtbeschäftigung). Der Bundesrat kann hingegen weder das auf die Pharmaindustrie entfallende Steuersubstrat noch die daraus resultierenden Steuererträge von Bund und Kantonen beziffern. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) erhält zwar im Rahmen des Finanzausgleichs (NFA) von den Kantonen Angaben zu den steuerlichen Bemessungsgrundlagen der juristischen Personen. Die Daten enthalten aber keine Angaben zur Branchenzugehörigkeit der Unternehmen.
2. Die Gesamtkosten des prämienfinanzierten Teils der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) beliefen sich 2024 gemäss Statistik auf 42.2 Mrd. Franken. Medikamente im ambulanten Bereich waren mit 9.2 Mrd. Franken der zweitgrösste Kostenblock. Schätzungsweise die Hälfte der Medikamentenausgaben entfielen dabei auf patentgeschützte Produkte, was rund 11% an den Gesamtkosten ausmacht. Die Schweiz hat im Gegensatz zu anderen Ländern einen sehr guten und raschen Zugang zu neuen, innovativen Medikamenten, bezahlt dafür aber im Vergleich hohe Preise und es fallen hohe Kosten an. Die Schweizer Volkswirtschaft profitiert von der ansässigen pharmazeutischen Industrie stark, dank Arbeitsplätzen mit hoher Produktivität und den Steuern der ansässigen pharmazeutischen Unternehmen, deren Exporte sich im Jahr 2024 auf 115.4 Mrd. Franken beliefen (Quelle Bundesamt für Zoll- und Grenzsicherheit). Die Umsätze in der Schweiz zu Fabrikabgabepreisen betrugen im Jahr 2024 7.7 Mrd. Franken (Quelle IQVIA). Deshalb ist es dem Bundesrat wichtig, dass die pharmazeutische Industrie in der Schweiz von sehr guten Rahmenbedingungen profitiert. Gleichzeitig gilt es, im Rahmen der OKP Preise vorzusehen, welche wirtschaftlich sind und für die Prämienzahlenden finanzierbar bleiben. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist aufgrund verschiedener Einflussfaktoren schwierig abschätzbar und die Ableitung von Kausalzusammenhängen ist heikel.
3 und 4. Die Vergütung von Arzneimitteln funktioniert basierend auf nationalen Gesetzen und Prozessen. Jedem Land ist freigestellt, das System nach den eigenen lokalen Gegebenheiten auszugestalten und entsprechend zu regulieren. Die Schweiz ist keine «Trittbrettfahrerin», da Innovation in der Schweiz dank den höchsten Preisen in Europa bereits überdurchschnittlich vergütet wird. Im Vergleich zu anderen relevanten Kostenblöcken ist das Wachstum bei den Medikamenten mit über 50 Prozent in den letzten 10 Jahren ausserdem stark überdurchschnittlich. Die US-Regierung sieht vor, künftig die Preise in gewissen Teilen des Marktes in den USA ebenfalls zu regulieren und dabei, neben anderen Ländern, auch die Schweiz als Referenzland heranzuziehen. Weil dieser Preisvergleich zum Teil eine Bereinigung nach unterschiedlichen Niveaus des Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukts vorsieht, steht die Schweiz trotz hoher Preise ebenfalls im Fokus. Das US-Preisniveau ist gemäss RAND-Studie aus dem Jahr 2024 rund doppelt so hoch wie in der Schweiz. Die Pharmaunternehmen deuten an, eher auf eine Vermarktung in Europa zu verzichten, als tiefere Preise und damit Umsatzeinbussen in den USA in Kauf zu nehmen. Eine isolierte Erhöhung der Preise sämtlicher patentgeschützter Arzneimittel in der Schweiz im Jahr 2024 um 50% oder 100% hätte zu Mehrkosten von schätzungsweise 2.4 Mrd. resp. 4.8 Mrd. Franken geführt (vgl. Antwort auf Ip. 26.3196 Gysin Greta).
Der Bundesrat beurteilt die Rahmenbedingungen in der Schweiz als Standort für Forschung und Entwicklung oder für die Herstellung von komplexeren Therapien nach wie vor als attraktiv (vgl. Ip. 25.3458 «Rahmenbedingungen für die Life-Science- und Pharmaindustrie»). Der Vorsteher des WBF und die Vorsteherin des EDI haben zur Sicherstellung bestmöglicher Rahmenbedingungen gemeinsam die Arbeitsgruppe «Lifesciences-Standort» eingesetzt. Zusammen mit der Pharmaindustrie werden dort neben standortfördernden Massnahmen auch die Medikamentenpreise diskutiert. Die Arbeitsgruppe hat den Auftrag, die gegenwärtigen Rahmenbedingungen in der Schweiz für die Entwicklung der Lifesciences und der pharmazeutischen Industrie zu analysieren. In einem umfassenden Ansatz soll sie alle Faktoren untersuchen, die den Wirtschaftsstandort Schweiz für diese Branchen beeinflussen. Sie soll die wichtigsten Herausforderungen identifizieren und konkrete Vorschläge zu deren Bewältigung formulieren unter Berücksichtigung der Grundsätze der Wirtschafts-, Sozial- und Gesundheitspolitik des Bundesrats. Zudem soll er Antworten auf die Herausforderungen geben, denen sich die Schweiz aufgrund der US-amerikanischen Politik gegenübersieht, und dabei so weit wie möglich darauf achten, dass den Prämienzahlern keine höheren Kosten entstehen. Die Arbeitsgruppe wird dem Bundesrat bis Ende 2026 einen Bericht vorlegen. Empfehlungen der Arbeitsgruppe betreffend Kostendämpfungspaket 2 können vom Bundesrat im Rahmen der Ausführungsbestimmungen berücksichtigt werden.
5. Die Schweiz hat eine sehr gute Versorgung mit neuen Medikamenten (vgl. Antwort auf Ip. 26.3540 Müller Damian). Gemäss der letztmals im Mai 2026 aktualisierten W.A.I.T.-Studie ist die Schweiz bei der Zeit bis zur Vergütung neuer Medikamente zweitschnellstes Land in Europa und bei der Verfügbarkeit Nr. 4 in Europa. Dank der Einzelfallvergütung können lebenswichtige Medikamente sogar vor Swissmedic Zulassung vergütet werden. Der Zugang zu neuen, innovativen Medikamenten soll auch in Zukunft aufrechterhalten werden. Lieferengpässe betreffen derzeit in erster Linie patentabgelaufene, kostengünstige Medikamente. Es handelt sich jedoch um ein globales Phänomen, das in den letzten Jahren weltweit zugenommen hat.
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Source: Parlamentsdienste der Bundesversammlung, Bern, retrieved 18.09.2026. Raw data
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