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26.4714PostulatEDIoffen

Ursachen des starken Anstiegs psychisch bedingter IV-Renten bei jungen Erwachsenen untersuchen

eingereicht am 29.10.2026Erstrat: NationalratEingereicht (29.10.2026)

Soziale FragenSozialer SchutzGesundheit

Die Beschlüsse der Räte und Kommissionen, im Wortlaut der Parlamentsdienste.

Noch kein Beschluss eines Rates oder einer Kommission.

Der Bundesrat wird beauftragt, einen Bericht vorzulegen, der die Ursachen des starken Anstiegs psychisch bedingter IV-Neurenten bei jungen Erwachsenen untersucht. Dabei sind insbesondere die Entwicklungen bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sowie die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die spätere Erwerbsintegration zu analysieren.

Der Bericht soll insbesondere aufzeigen:

• wie sich die Zahl psychisch bedingter IV-Neurenten bei den 18- bis 24-Jährigen entwickelt hat

• welche Risikofaktoren im Alter von 0 bis 18 Jahren besonders häufig bei späteren IV-Bezügern auftreten

• in welchem Ausmass und aus welchen Gründen sich die Häufigkeit psychischer Erkrankungen zwischen den Geschlechtern unterscheidet

• ob und in welchem Ausmass der sozioökonomischem Status die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinflusst

• wie sich sonderpädagogische Massnahmen, schulpsychologische Abklärungen, individuelle Förderprogramme sowie psychische und entwicklungsbezogene Diagnosen seit dem Jahr 2000 entwickelt haben

• ob und in welchem Ausmass Fehlanreize im Bildungs-, Gesundheits-, Sozialversicherungs- oder IV-System die Zunahme psychisch bedingter IV-Neurenten bei jungen Erwachsenen beeinflussen könnten und welcher Handlungsbedarf daraus resultiert

• ob und in welchem Ausmass Jugendliche mit besonderen Fördermassnahmen oder diagnostizierten Beeinträchtigungen später überdurchschnittlich häufig Leistungen der Invalidenversicherung beanspruchen

• wie sich die zunehmende Medikalisierung, teilweise auch sog. Überarztung und Verrechtlichung entwickelt hat und wie sich diese Tendenzen auf die IV-Verfahren und IV-Rentenzusprachen ausgewirkt haben

• welchen Einfluss Veränderungen der familiären Betreuungssituation, der ausserfamiliären Kinderbetreuung, der Familienstrukturen sowie weiterer gesellschaftlicher Entwicklungen auf die psychische Gesundheit, die Belastbarkeit und die spätere Erwerbsintegration junger Menschen haben könnten

• welche Auswirkungen Digitalisierung, soziale Medien, Cybermobbing, Leistungsdruck und die Corona-Pandemie auf die Entwicklung psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen haben

• ob die heutigen Bildungs-, Förder- und Unterstützungssysteme die Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, Resilienz und Arbeitsmarktfähigkeit junger Menschen ausreichend stärken

• welche Massnahmen erforderlich sind, um den Grundsatz «Eingliederung vor Rente» bereits im Schul- und Ausbildungsalter konsequenter umzusetzen

• ob die Ausweitung psychologischer Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter langfristig Auswirkungen auf die Erwerbsintegration und die Wahrscheinlichkeit eines späteren psychisch bedingten IV-Bezugs hat

Die Zahl psychisch bedingter IV-Neurenten bei jungen Erwachsenen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Besonders betroffen sind junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Die Invalidenversicherung sowie kantonale IV-Stellen sprechen von einer besorgniserregenden Entwicklung und einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, dessen Ursachen bisher nicht hinreichend geklärt sind. Die öffentliche Diskussion konzentriert sich heute vorwiegend auf die Folgen dieser Entwicklung. Deutlich weniger untersucht sind die Ursachen, welche bereits im Kindes- und Jugendalter liegen könnten. Der Staat verfügt über detaillierte Daten zur Invalidität junger Erwachsener, weiss jedoch vergleichsweise wenig darüber, welche Entwicklungen in den Jahren davor dazu geführt haben.

Gleichzeitig haben sich Bildungssystem, Familienstrukturen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Die Zahl sonderpädagogischer Massnahmen, schulpsychologischer Abklärungen und individueller Förderangebote hat zugenommen. Parallel dazu verbringen immer mehr Kinder einen Teil ihrer frühen Kindheit in ausserfamiliären Betreuungsstrukturen. Zudem prägen Digitalisierung und soziale Medien den Alltag junger Menschen in bisher unbekanntem Ausmass. Bis heute fehlt eine umfassende Untersuchung darüber, ob und in welchem Ausmass diese Entwicklungen mit der steigenden Zahl psychisch bedingter IV-Renten zusammenhängen. Insbesondere stellt sich die Frage, ob die bestehenden Förder- und Unterstützungssysteme junge Menschen ausreichend auf die Anforderungen des Berufslebens vorbereiten und ihre Selbstständigkeit, Belastbarkeit und Eigenverantwortung stärken. Der Bericht soll ausdrücklich keine Vorverurteilung einzelner Institutionen oder Betreuungsformen vornehmen. Ziel ist vielmehr, mögliche Zusammenhänge sachlich zu analysieren und bestehende Wissenslücken zu schliessen. Nur wenn die Ursachen bekannt sind, können wirksame Massnahmen entwickelt werden, um zu verhindern, dass immer mehr junge Menschen bereits zu Beginn ihres Erwerbslebens dauerhaft aus Ausbildung und Arbeitsmarkt ausscheiden. Die Invalidenversicherung darf nicht zur Endstation gesellschaftlicher, bildungspolitischer oder familienpolitischer Fehlentwicklungen werden. Vielmehr muss das Ziel sein, junge Menschen frühzeitig zu stärken, ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten und ihre Integration in den Arbeitsmarkt nachhaltig zu fördern. Der Staat weiss heute sehr genau, wer mit 18 Jahren in die IV eintritt. Er weiss aber zu wenig darüber, was in den zehn oder fünfzehn Jahren davor geschehen ist. Genau diese Wissenslücke gilt es zu schliessen.

Quelle: Parlamentsdienste der Bundesversammlung, Bern, abgerufen am 06.11.2026. Rohdaten

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